Depressionsdonnerstag

Sechs Uhr fünfzehn – der Wecker klingelte.
„Fuck“ war das Erste, was aus mir rauskam. Ich war totmüde, unter meiner Decke war es kuschelig warm, aber im Zimmer war es arschkalt und der Gedanke ans Aufstehen brachte mich an den Rand der Verzweiflung. Ich rollte mich zur anderen Seite der Matraze und streckte meinen Arm zum Nachtkästchen, um die penetrant posaunende Trompetenfanfare, die mein Handy-Wecker abspielte, abzustellen.
Um noch kurz die Göttlichkeit meines Bettes genießen zu können, zählte ich in Gedanken langsam von Zehn rückwärts. Bei Null angekommen, zwang ich mich, aufzustehen und die Wanderung in Richtung Bad zu wagen. Ich schleppte mich an der Küche vorbei, in welcher meine Mutter in einem weiten Pyjama, der aus einer königsblauen Hose und einem mit lauter kleinen Schafen übersähten Sweatshirt bestand, mit einer Tasse Kaffee saß.
„Guten Morgen“, trällerte sie mir zu und erntete dafür nur einen „Wenn-Blicke-töten-könnten“-Blick von mir. Ich hatte kein Bedürfnis zu reden, ich wollte noch nicht einmal die Existenz eines Anderen wahrnehmen müssen.

Beim Zähneputzen erinnerte ich mich daran, dass sich abends zuvor mein Ex-Liebhaber aus heiterem Himmel wieder bei mir gemeldet hatte.
Wie mein Tag gewesen sei, hatte er mir geschrieben. Während dem halben Jahr, in dem wir gevögelt haben, hatte er mich das kein einziges Mal gefragt. Das fand ich schon amüsant, doch andererseits ärgerte mich seine Dreistigkeit. Ich wusste nicht was er auf einmal von mir wollte und alles, was ich wollte war meine Ruhe.

Dann sabberte ich mir Zahnpastaschaum auf mein T-Shirt. Ich spuckte den restlichen Schaum aus und legte die Zahnbürste weg. Im Spiegel musterte ich mich und den Fleck und murmete erneut: „Fuck“. Ich wischte den Schaum vom Shirt und begab mich auf das Klo, wo ich bemerkte, dass mein Tampon dem Fluss der Nacht nicht standgehalten hatte – ein seufzendes „Scheiße“ verließ  meinen Mund.
Angeekelt zog ich meine blutgetränkte Unterhose aus, umwickelte sie mit Klopapier und schmiss sie weg. Jetzt musste ich auch noch meine beschmierten Innenschenkel abwaschen und am liebsten wäre ich gar nicht erst aufgestanden.

Unten ohne stampfte ich wieder in mein Zimmer, in dem, trotz aufgedrehter Heizung, eine Eiseskälte herrschte. Die arktischen Temperaturen ließen meine Nippel so steif werden, dass sie schmerzten.
Ich zog mir ein frisches Höschen, eine Jeans, die irgendwo herumlag und noch halbwegs gut roch, den gemütlichsten BH, den meine Unterwäschenschublade hergab, und einen weiten, dunkelgrünen Männerpulli an. So begab ich mich zum Spiegel, um mich schön – oder besser gesagt, nicht ganz so gruselig aussehend – zu machen. Ich kämmte meine etwas mehr als schulterlangen Haare, welche sich über Nacht in eine riesige Rastalocke verwandelt hatten, schmierte mir Make-Up ins Gesicht, Rouge auf die Wangen und noch etwas Farbe auf die Lippen. Als ich begann, mir die Wimpern zu tuschen und mir im Spiegel selbst in die Augen sah, überkam mich plötzlich eine so tiefe Traurigkeit, dass ich kämpfen musste, um meine Tränen zurückzuhalten. Ganz gelang es mir nicht.

Die ganze Welt erschien mir auf einmal wie eine hinterlistige Schlampe und eine unerklärliche Flut der Enttäuschung drohte, mich wegzuspülen.
Vielleicht war’s auch einfach nur ein beschissener Donnerstagmorgen, der mir, bevor ich überhaupt einen Kaffee getrunken hatte, eine Ohrfeige verpasste.

So trocknete ich meine Augen, schminkte mich fertig und holte mir anchließend den heiß  ersehnten Kaffee. Den nahm ich mit in mein Zimmer, drehte mir ein Zigarettchen, packte mich in zwei Jacken und stellte mich am Balkon der frostigen Morgenkälte.
Der Kaffee war noch kochend heiß und wärmte daher schön.
„Das erste Positive heute morgen“, dachte ich mir und musste schon fast lächeln. Es sind ja bekanntermaßen die kleinen Dinge im Leben.

Anschließend wurde mein Krimskrams zusammengesammelt, ich hüllte mich in einen dicken Mantel, rief meiner Mutter ein „Tschau“ zu und verließ die Wohnung.
Optimistisch gestimmt tippelte ich die Treppen herunter – der Tag konnte ja nur noch besser werden.

 

 

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